[Ein Artikel für www.theactiveamputee.org]

Als ich mit 12 Jahren Knochenkrebs bekam, aus unerklärlichen Gründen, wurde mein Lebensweg auf völlig neue Ebenen geführt. Ich war noch so jung und verstand kaum was vor sich ging, machte alles mit was ich machen musste um zu überleben. Zwei Jahre Chemotherapie und viel Leid, vorallem für meine Eltern und Familie. Nach einer großen Operation, bei der mir mein Knochen und Tumor entnommen und eine Endoprothese eingesetzt wurde, galt ich als geheilt. Geheilt vom elendigen Krebs, doch geprägt fürs Leben, geprägt mit einer Geschichte die für immer zu mir gehören wird und von meinem Knie, dieses blieb seit dem nämlich völlig versteift.

Doch damit war mein langer harter Weg nicht zu Ende. Ich fing gerade erst an, mein Leben zu leben. Mit knapp 14 Jahren ging ich nun raus, zurück in die Welt. Alles war anders, oder war doch alles gleich und nur ich hatte mich geändert?! Ich wurde älter, durch fiese Schulkameraden, Sticheleien und Gemeinheiten, wurde ich immer härter und selbstbewusster. All das war nötig, damit ich heute über sollche Menschen lachen kann.

Nie konnte ich mich mit meinem Schicksal identifizieren und schon garnicht abfinden. Ich habe mein Bein gehasst, es gehörte nicht mehr zu mir. Die Narbe war tief und hart, das Knie steif und innerlich verklebt. Ich wollte doch nur wieder ein ’normales‘ Kind sein, ein ’normales‘ Leben leben. Doch für mich war etwas anderes vorgesehen. Ich war nie ein normales Kind, war nie wie alle anderen. Mein Leben war geprägt vom Schicksal. Doch bis ich dieses so hin nehmen konnte, dauerte es Jahre.

Später wurde ich älter und reifer, mein Leben war fast wie jedes andere. Ich hatte eine Ausbildung gemacht, Freunde gefunden, war viel feiern und tanzen und habe meine große Liebe gefunden. Trotz meines steifen Beins war mein Leben also doch nicht so anders?! Ich lernte mit meinem Bein und meinem Schicksal zu leben. Doch abfinden konnte ich mit damit nie. So ging ich Jahr für Jahr zu vielen Ärzten, fragte ständig nach neuen operations Methoden und Möglichkeiten mein Knie wieder zu mobilisieren. Ohne Erfolg.

Die Ärzte konnten mich immer nur vertrösten und mich darauf hinweisen, wie gut ich doch klar komme… Doch war das alles? Einfach nur gut klar kommen und mein Schicksal so hin nehmen? Das konnte ich einfach nicht, ich wollte es nicht akzeptieren. Ich habe mir so viel mehr für mein Leben gewünscht, ich wollte hoch hinaus, Dinge erleben die ich mit meinem steifen Bein niemals erleben konnte. Ich wollte einfach mehr vom Leben als nur gut klar kommen, ich wollte leben und zwar so wie ich es mir vorstelle.

So entstanden viele Gedanken mit den Jahren, viele deprimierende Zeiten und Momente. Ich war zu tiefst traurig, auch wenn ich so gut wie alles hatte, Freunde, Liebe, einen coolen Job und eine tolle Familie… Das hat mir aber nicht gereicht, ich wollte mehr. Als ich dann 25 Jahre alt war und mal wieder arbeitslos wurde, weil ich mich einfach nicht verstellen konnte, bei einem Job der mich nicht glücklich gemacht hat, fing ich an mein Leben um zu denken. 

Ich habe etliche Stunden im Internet verbracht, Menschen gesucht denen es ähnlich ging, nach ähnlichen Fällen gesucht und nach Möglichkeiten wieder glücklich zu werden. Und dann kam der Tag, als ich Menschen gefunden hatte, die ein ähnliches Schicksal geprägt hat wie mich. Dank Facebook fand ich gleichgesinnte, andere Betroffene die auch schon so viel durch machen mussten. Das war das erste mal in meinem Leben, dass ich andere Menschen kennen lernen konnte, die auch Krebs gehabt haben, sogar viele genau den selben wie ich ihn hatte. Das war Wahnsinn für mich.

Wieso kam ich nie früher auf sollche Ideen, ich hätte schon viel eher nach diesen Menschen suchen sollen. Nie hatte mich jemand verstanden. Nie konnte ich so über mein Leben reden wie mit diesen selbst betroffenen. Das war wie eine Erläuchtung für mich. Plötzlich wurde mir so vieles bewusst. Ich war nicht mehr alleine.
Nachdem ich dann mit vielen gesprochen hatte kamen mir neue Ideen und Wünsche.

Nie hatte ich mich mit meinem Bein oder meiner Situation anfreunden können. Es kam die Zeit, als mir endlich klar wurde wo mein Weg hin führen wird. Ich war endlich reif genug, um zu sehen was ich will und wohin ich will. Um zu merken wohin ich gehöre und was mein Schicksal für einen Plan für mich hatte. Es war nämlich nicht einfach der Plan, dass ich Krebs bekommen soll und mit einem steifen Bein leben lernen sollte. Nein, das war nicht mein Weg. Mein Weg war es zu wachsen und vorallem über mich hinaus zu wachsen. Eine Entscheidung zu treffen die mein ganzes Leben verändern würde, das war der Plan.

Das habe ich getan, nach vielen Gesprächen mit selbst Betroffenen war nun für mich sicher, der einzigst richtige und realistische Weg für mich war, eine Bein Amputation! Dieser Gedanke hat mich erst kurz verängstigt, doch als ich mehr und mehr darüber las und mehr von anderen darüber gehört habe, um so größer wurde dieser Wunsch. Ab dann war für mich eindeutig klar wo mein Weg hinführt.

So viele neue Möglichkeiten, so viele neue Wege und Menschen, so viele neue Gefühle und Gedanken. Und nun?! Wie ist das realisierbar? Wie erkläre ich das meinen Mitmenschen? Wie wird es sein? Wird es weh tun? Wird alles gut gehen? Werde ich es bereuen? Werde ich es schaffen, all meine Wünsche mit dieser Veränderung zu erleben? So viele neue Fragen waren plötzlich da. Doch dann hatte ich keine Angst mehr, ich war nur noch voller neuer Hoffnung, endlich ein neuer Weg für mich der zu meistern ist. Ein neuer Weg der mich vielleicht dahin führen kann, wo ich mein Leben lang hin wollte, ohne es zu wissen.

Durch meinen Mann, der mich in allem immer unterstützt, meine Familie die mir nach vielen Fragen und Erklärungen beiseite stand und durch meine Ärzte, die nun endlich darin eine neue realistische operations Möglichkeit für mich gesehen haben, wurde mein neuer Traum vom Leben war. Plötzlich stand so vieles wieder offen, all die Jahre habe ich auf sollch eine Möglichkeit gewartet und gehofft, doch immer nur in der falschen Richtung gesucht. Nun war mein Herz erfüllt, es gab kein Weg mehr zurück. Ich hatte mich entschieden, und wenn ich mich für etwas entscheide, dann ziehe ich dies auch gnadenlos durch.

Schließlich war das mein Traum, mein Wunsch von einem neuen Leben, auf den ich so viele Jahre gewartet hatte. Ich habe mich so gefreut, dass ich so gut wie keine Angst mehr hatte. Es war so, als wäre ein trauriger Teil meiner Seele tief in mir endlich wieder mit Freude und Hoffnung gefüllt, als wäre ich endlich wieder erblüht. Das war mein Weg, ich habe ihn endlich gefunden.

Nachdem ich dann alle überzeugt habe, dass ich es wirklich ernst meinte, konnte es los gehen. Ich hatte einen Termin bekommen und alles wurde plötzlich so real. Im November 2016 stand dann meine Amputation an. Alles verlief super, ich wachte auf, sah mein neues kleines Beinchen und fühlte mich wie neu geboren. Endlich stecke ich in dem Körper, in dem ich mich auch wohl fühle. Das ist also mein neues Leben, mein neu gewonnener Stumpf. Verloren habe ich nichts, außer Traurigkeit und Frust. Ich habe nur gewonnen, ein neuen wunderschönen Stumpf, neue Möglichkeiten, neue Hoffnung, ein neues Leben, eine neue Chance.

Nun ist meine Amputation fast genau ein Jahr her. Mein Weg danach wurde anders als gedacht, doch trotzdem bin ich immer noch mehr als glücklich. Ich wünsche mir keine Sekunde von damals wieder zurück. Außer meinen Phantomschmerzen ab und an geht es mir super. Das war mein Schicksal, mein eigentliches. Eine schwere und doch irgendwie für mich einfache Entscheidung, hat mich dahin geführt, wo ich immer hin wollte. Nie hätte ich geglaubt, dass ich solch einen Schritt gehen werde, dass ich noch mal so glücklich werden kann.

Viele alte Türen sind nun geschlossen, alte Freundschaften sind zerbrochen, alte Gewohnheiten sind vergessen, alter Schmerz ist verheilt. Doch genau durch das schließen von Türen, gehen wieder neue auf. Neue echte Freunde, neue Gewohnheiten, neuer vorübergehender Schmerz… Das Leben steckt voller Überraschungen, doch wichtig ist, dass man lernt zu wachsen. Man muss lernen Entscheidungen zu treffen. Man muss lernen welche Menschen und welche Dinge einem gut tun und welche nicht. Man muss lernen Opfer zu bringen, um dafür wieder neue Dinge geschenkt zu bekommen, neue Hoffnung, neue Freude, ein neues Leben.

Nur wer es wagt Dinge zu verändern, wird auch das Glück des wachsens spüren können. Stillstand macht uns krank, wir leben alle nur dieses eine Leben. Also träumt, habt Hoffnung, lernt zu lieben und lernt zu verändern. Vegetiert nicht vor euch hin, egal in welcher Hinsicht. Jeder Mensch sollte das Leben leben können, welches er sich wünscht. Jeder kann es schaffen, glücklich zu sein. Egal welches Schicksal euch geprägt hat. Egal wie verloren ihr euch fühlt, macht das beste aus eurem Leben. Denn nur ihr selbst könnt euch glücklich machen, nur ihr selbst seit für euer Leben verantwortlich.

Versucht die Dinge stets aus verschieden Winkeln zu betrachten, das Leben ist nicht nur schwarz oder weiß. Auch wenn ihr euch vielleicht wünscht, einfach nur ’normal‘ zu sein, seht es als Geschenk. Nicht jeder hat das Glück auf dieser Welt, auserwählt zu sein, auserwählt um noch viel mehr zu sein als nur ’normal‘.

Eure Chaos.Cat